"In keiner Weise dürfen wir uns dazu bewegen lassen, die Stimme der
Menschlichkeit in uns zum Schweigen bringen zu wollen. Das Mitfühlen mit
allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen
macht." (Albert Schweitzer)
Jeder, der vegetarisch oder vegan lebt, wird es kennen. Das Gespräch läuft angenehm, aber dann erwähnt man irgendwann beiläufig das man so lebt oder wird beim Essen darauf angesprochen und schon wird man in eine Schublade gesteckt. Man wird nicht mehr als normaler Mensch gesehen, sondern als Freak, Dogmatiker oder einfach als unnormal/seltsam. Je nach Charakter des Gegenübers bekommt man nun von angeblich lustig gemeinten Seitenhieben bis hin zu interessierten Fragen alles angeboten. Bei mir ging es unter anderem so weit, dass ich bei einem Adventskaffee eine etwas lautere Auseinandersetzung mit meinem Onkel hatte. Als er erfahren hatte, dass in einigen Kekse (nämlich denen von mir gebackenen) weder Milch, Eier oder Butter enthalten waren, musste ich mir anhören warum ich "diesen Scheiß" immernoch mache. Das wäre total unnormal und meine Ärztin hätte mir schließlich davon abgeraten. Mal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, woher er weiß was meine Hausärztin angeblich gesagt haben soll, verstehe ich nicht, wie sich Menschen dermaßen auf den Fuß getreten fühlen können. Einfach nur, weil sie auf andere Menschen treffen, die anders sind. So anders, dass sie es offenbar nicht akzeptieren können.
Natürlich gibt es auf beiden Seiten Menschen, die Probleme in den Bereichen Toleranz und Akzeptanz aufweisen. Aber ist dies eine Begründung für miese Sprüche und Pöbeleien? Menschen wenden sich aus ganz verschiedenen Gründen der vegetarischen oder veganen Lebensweise zu. Aber besonders der ethisch/moralisch bedingte Zweig äußert sich gerne zu diesem Thema. Gerade auch, weil die Tiere, die sie nicht (weiter) ausbeuten möchten, sich selbst nicht äußern können. Diese Menschen sind, wenn man so will, die Stimme der Stimmlosen. Ihre Meinung äußern sie durch ihren Lebenstil und dem, was sie anderen Menschen erzählen. Eigentlich geht jeder so vor. Jeder lebt so, wie er es für richtig hält und teilt das auch mit. Natürlich gibt es dabei auch ein paar übereifrige Vertreter. Die gibt es auf beiden Seiten. Aber rechtfertigt das dieses pöbelnde Verhalten?

Ein Moralaposten mit erhobenen Zeigefinger stößt schnell auf Widerstand. Niemand lässt sich gerne sagen, dass seine Weltsicht verkehrt ist. Aber, wenn ich etwas für falsch erachte, was soll ich dann machen? Wenn ein Kind vor meinen Augen geschlagen wird, soll ich weiter zusehen und denken: "Es ist ja nicht mein Kind." Nach der Devise leben: "Naja, ich würd das jetzt nicht mit meinem Kind machen, aber
wenn Du Dein Kind so prügeln willst akzeptiere ich das
natürlich, jeder lebt halt so wie er will!?" Oder soll ich denjenigen von seiner Tat abhalten? Wenn ein Tier vor meinen Augen oder in meinem Wissen missbraucht, misshandelt, gequält wird, soll ich weiter zusehen und denken: "Es ist ja nur ein Tier." Oder soll ich versuchen wenigstens durch meine Lebensweise dieses Verhalten so wenig wie möglich zu fördern? Tiere werden in unvorstellbaren Mengen gequält und getötet, damit wir sie gedankenlos konsumieren können. Ich weiß, dass einige diesen Vergleich so nicht akzeptieren können. Für sie ist ein Kind ein Mensch und ein Tier nur ein Tier. Ihrer Ansicht nach steht ein Mensch über dem Tier. Wir sind sozusagen die Herrscher. Eine Sicht, die ich noch nie nachvollziehen konnte.
Biologisch gesehen stehen wir alle auf einer Stufe. Ohne unsere Kultur ständen wir sogar noch weit unter einigen Tieren. Die immer wieder versuchten Alleinstellungsmerkmal lösen sich nach und nach auf. Einst hieß es, der Mensch definiert sich unter anderem durch bewussten Werkzeuggebrauch, Sprache oder ein Ich-Bewusstsein. Es ist längst nachgewiesen, dass es dafür genüngen Beispiele im Tierreich gibt. Affen und Vögel verwenden Werkzeuge, Erdmnännchen kennen je nach Art des Feindes verschiedene Alarmlaute, Delfine haben den Test zum Ich-Bewusstsein ohne Probleme bestanden. Der einzig greifbare Unterschied zwischen Mensch und Tier ist doch eigentlich nur, dass wir die Zeit verstehen. Wir können vom Gestern, Heute oder Morgen reden. Wir können langfristig planen und darauf aufbauen. Auf dieser Grundlage hat sich nach und nach das entwickelt, was wir heute "Kultur" nennen. Aber rein vom biologischen Standpunkt betrachtet sind wir immernoch gleich. Wir haben alle ein Zentrales Nervensystem in verschiedener Ausprägung, wir fühlen Schmerz, möchten ein glückliches Leben. Möchten leben.

Warum soll dann ein Menschenleben mehr wert sein als ein Tierleben? Kinder und Tiere benötigen unseren Schutz gleichermaßen, da sie ihre möglichen Peinigern oft schutzlos ausgeliefert sind. In der heutigen Gesellschaft ist Gewalt gegen Kinder mittlerweile eine Straftat und wird von der Allgemeinheit auch nicht mehr akzeptiert. Vor nicht allzulanger Zeit, war es dagegen noch normal, dass Eltern ihren Kindern schlugen. Dazu sagte niemand etwas, denn "eins hinter die Löffel bekommen" hatte schließlich noch niemanden etwas geschadet. Natürlich sollten Tiere nicht vermenschlicht werden. Sie sind, obwohl uns doch so ähnlich, jeweils eine eigenständige Art/Rasse/Persönlichkeit. Aber bedeutet das, dass der Mensch damit das Recht hat sich selbst über andere Lebewesen zu stellen? Hat er damit das Recht diese anderen Lebewesen wie es ihm gefällt auszubeuten? Sie nur noch als Profit und nicht mehr als Lebewesen zu sehen?
Ein ethisch/moralisch motivierter Veganer sieht sich in einer Welt, in der Gewalt an den Schutzlosen ein normaler Punkt auf der Tagesordnung ist. Sein Ziel ist es darauf aufmerksam zu machen. Das Leid sichtbar zu machen. Es gibt Menschen, die demonstrieren gegen Atomkraft. Es gibt Menschen, die demonstrieren gegen Datenspeicherung. Es gibt Menschen, die demonstrierten gegen eine Mauer mitten im Land. Es gibt Menschen, die demonstrieren gegen die Misshandlung der Tiere. Nach den Demonstrationen möchten sie aber größtenteils einfach "normal" leben. Es gibt schließlich noch andere Themen auf der Welt mit denen man sich noch beschäftigen muss/will. Ständig anzuecken und alles zu hinterfragen ist unbequem. Vor allem für die, die gerne die rosa Brille tragen. Aber können sie wirklich Menschen dafür verachten, dass diese für eine Sache, hinter der sie stehen, an die sie glauben, die in ihren Augen Unrecht ist, kämpfen?
Der Weg der emotionalen Anklage, den einige Vegetarier/Veganer gerne einschlagen, hat zwar einen guten Ausgangspunkt, erreicht aber leider nur sehr selten das was er soll. Viel zu oft wird er vom Gegenüber als Anklage verstanden, auf die natürlich mit entsprechendem Abwehrverhalten und Trotz reagiert wird. Der an den Tag gelegte missionarische Eifer wirkt dann oft befremdlich. Und der Angesprochen weigert sich dann auch oft das Thema durch gezieltes Nachdenken zu vertiefen. Ich halte es aber für sehr wichtige sein Gegenüber zum Nachdenken zu bringen, denn nur so kann er seinen eigenen Standpunkt hinterfragen und dann auch ändern. Sich als Veganer auf "normale" Gespräche einzulassen bedeutete aber, immer wieder die selben Fragen zu hören. Wo bekommst Du Deine Proteine her? Was isst Du überhaupt noch? Hast Du noch keinen Eisenmangel? ... Man kann sich noch so oft vornehmen immer brav und ausführlich die Fragen zu bewantworten, wenn man zum hundersten Mal die gleiche Frage gestellt bekommt muss man einfach die Augen verdrehen.

Wie bereits schon oben erwähnt, gibt es aber auch einige fleischessende Menschen, die sich offenbar von vegetarisch oder vegan lebenden Menschen allein durch ihre Existenz angegeriffen fühlen. Ich persönlich habe bereits mehrmals erleben "dürfen", wie zum Beispiel bei einem Grillfest mir eine Bratwurst mit "Hmmm ... Schau mal wie lecker die aussieht!" direkt unter die Nase gehalten wurde und dann ganz demonstrativ langsam davon abgebissen wurde. Fleischesser können sich nicht davon freisprechen ebenfalls missionierende Wege einzuschlagen. Aus irgendeinem Grund fühlen sich auch immer mindestens einer von ihnen dazu genötigt sich zu rechtfertigen, mich anzugehen, warum ich denn gerade Fleisch essen sollte oder all das aufzuzählen, an dem ich seiner Meinung nach erkranken werde. Das interessante dabei ist, wenn ich direkter nachfrage, was mir denn genau fehlen sollte, offenbart sich, dass kaum einer von ihnen wirklich Ahnung von zum Beispiel Nährstoffen hat. Sie machen sich Sorgen über meinen Vitamin-D-Haushalt oder Proteinaufnahme, wissen aber nichts über Herkunft, Vorkommen und Wirkung.
Was bringt es uns eigentlich, wie zwei ausgewachsene Mufflonböcke die Köpfe immer wieder gegeneinander zu schlagen? Beide Seiten sollten aufeinander zu gehen. Nicht-Veganer sollten einfach mal ausprobieren, wie vielseitig und schmackhaft veganes Essen ist und Vegetarier/Veganer sollten weniger "Moralaposten" spielen, sondern einfach zeigen, das vegan weder kompliziert ist noch ein Leben mit Einschränkungen bedeutet.
schönen Gruß
=)